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Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

Publishers Weekly Beste Lektüre des Sommers 2012.

„[Die Geschichte von] Millies und Fitz‘ Ehe ist eine der ehrlichsten, romantischsten und optimistischsten Erzählungen, die ich seit langer, langer Zeit gelesen habe. Und was kann ich sagen … Sherry Thomas rockt.“ - All About Romance

Als junger Mann musste der Earl of Fitzhugh die reiche Erbin Millie heiraten, obwohl sein Herz einer anderen gehörte. Für Millie hingegen war es Liebe auf den ersten Blick. Jahre vergehen, und mit der Zeit ist eine tiefe Freundschaft zwischen beiden entstanden. Doch dann kehrt Fitz’ Jugendliebe verwitwet nach England zurück …

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Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

 ♦ Dezember 2013
ebook
Originaltitel: Ravishing the Heiress
ISBN-13: 9781631280016
ISBN-10: 1631280015

Leseprobe

KAPITEL 1

Schicksal

Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

1888

Es war Liebe auf den ersten Blick.

Es war nichts dabei, sich auf den ersten Blick zu verlieben, aber Millicent Graves war nicht dazu erzogen worden, sich überhaupt zu verlieben, und schon gar nicht Hals über Kopf.

Sie war das einzige Kind eines Mannes, der mit der Herstellung von Konservendosen reich geworden war. Lange bevor sie solche Dinge verstehen konnte, war entschieden worden, dass sie eine gute Partie machen sollte – damit durch sie das Familienvermögen mit einem alten und erhabenen Titel verknüpft werden würde.

Millies Kindheit hatte daher aus endlosen Unterrichtsstunden bestanden: Musik, Zeichnen, Kalligraphie, Rhetorik, Etikette und, wenn noch Zeit blieb, moderne Sprachen. Mit zehn konnte sie anmutig mit drei Büchern auf dem Kopf die Treppe hinabschweben. Mit zwölf konnte sie stundenlang auf Französisch, Italienisch und Deutsch höfliche Konversation machen. Und an ihrem vierzehnten Geburtstag konnte Millicent, die kein besonderes musikalisches Talent besaß, endlich Liszts Douze Grandes Études spielen, was sie einzig und allein ihrem Fleiß und ihrer Entschlossenheit zu verdanken hatte.

Im selben Jahr erkannte ihr Vater, dass sie niemals eine große Schönheit – oder überhaupt schön – werden würde, und begann die Suche nach einem aristokratischen Bräutigam, der verzweifelt genug war, ein Mädchen zu heiraten, dessen Familienvermögen von – Gott bewahre! – Sardinen herrührte.

Die Suche endete zwanzig Monate später. Mr Graves war nicht besonders glücklich mit der Wahl, da der Titel des einen Earls, der bereit war, im Austausch für ihr Vermögen um die Hand seiner Tochter anzuhalten, weder besonders alt noch besonders großartig war. Aber Dosensardinen haftete ein derartiges Stigma an, dass selbst dieser Earl Mr Graves’ letzten Heller verlangte.

Und dann, nachdem monatelang verhandelt worden, alle Vereinbarungen niedergeschrieben und unterzeichnet worden waren, besaß der Earl die Rücksichtslosigkeit, einfach im Alter von dreiunddreißig tot umzufallen. Jedenfalls empfand Mr Graves seinen Tod als gedankenlose Beleidigung. Millie weinte in der Ungestörtheit ihres Zimmers.

Sie hatte den Earl nur zweimal gesehen und war weder von seinem blutleeren Äußeren, noch von seinem missmutigen Wesen begeistert. Aber er hatte auf seine Art ebenso wenig eine Wahl wie sie. Sein Landsitz war ihm in einem schrecklich baufälligen Zustand hinterlassen worden, und seine Pläne zur Verbesserung der Situation hatten wenig bis gar keine Wirkung gezeigt. Als er versuchte, eine Erbin von angesehenerer Herkunft zu umwerben, war er kläglich gescheitert, vermutlich, weil sowohl sein Aussehen als auch sein Charakter wenig hermachten.

Ein temperamentvolleres Mädchen hätte sich gegen einen Bräutigam gewehrt, der siebzehn Jahre älter war als sie. Ein unternehmungslustigeres Mädchen hätte ihre Eltern davon überzeugt, dass sie sich selbst auf dem Heiratsmarkt umsehen durfte. Millie war kein solches Mädchen.

Sie war ein ruhiges, ernstes Kind, das instinktiv verstand, wie viel von ihr erwartet wurde. Und obwohl es durchaus wünschenswert war, dass sie alle zwölf der Grandes Études gut spielen konnte statt nur elf, so ging es am Ende bei ihrer Ausbildung nicht um die Musik – oder um Sprachen oder Benehmen –, sondern um Disziplin, Selbstbeherrschung und Verzicht.

Liebe war nie Teil der Gleichung gewesen. Ihre Meinung war nie Teil der Gleichung gewesen. Es war das Beste, dass sie sich von dem Prozess löste, denn sie war nur ein Rädchen in der großen Maschinerie, die „eine gute Partie machen“ hieß.

In jener Nacht weinte sie allerdings um den Mann, der, genau wie sie, keinerlei Einfluss darauf hatte, wie sein Leben verlief. Aber die große Maschinerie ratterte weiter. Zwei Wochen nach der Beerdigung von Earl Fitzhugh luden die Graves seinen entfernten Cousin, den neuen Earl Fitzhugh, zum Essen ein.

Millie hatte nur wenig über den verstorbenen Earl gewusst. Sie wusste noch weniger über den neuen, außer, dass er erst neunzehn Jahre alt war und in seinem letzten Jahr in Eton war. Dass er so jung war, verstörte sie ein wenig – sie war darauf vorbereitet gewesen, einen älteren Mann zu heiraten, nicht einen, der praktisch in ihrem eigenen Alter war. Aber davon abgesehen dachte sie nicht weiter über ihn nach: Ihre Hochzeit war ein Geschäftsabschluss, je weniger sie sich persönlich damit befasste, desto unproblematischer würde alles verlaufen.

Leider war es mit ihrer Gleichgültigkeit – und ihrem Seelenfrieden – in dem Moment vorbei, als der neue Earl durch die Tür trat.

Millie hatte durchaus eine eigene Meinung. Sie achtete sehr genau auf das, was sie sagte und tat, aber ihrer Fantasie erlegte sie nur selten Beschränkungen auf. Das war die einzige Freiheit, die sie hatte.

Manchmal, wenn sie nachts im Bett lag, stellte sie sich vor, sich zu verlieben, wie es in den Büchern von Jane Austen geschah – ihre Mutter gestattete ihr nicht, die Brontës zu lesen. Liebe, so schien es ihr, war das Ergebnis von genauer, kluger Beobachtung. Miss Elizabeth Bennet, zum Beispiel, war nicht der Meinung, dass Mr Darcy einen guten Ehemann abgeben würde, bis sie sah, wie beeindruckend Pemberley war, welches für Mr Darcys ebenso beeindruckenden Charakter stand.

Millie stellte sich vor, dass sie eine wohlhabende, unabhängige Witwe war, die die Herren in ihrer Reichweite mit ironischem, aber keinesfalls boshaftem Scharfsinn prüfte. Und wenn sie Glück hatte, würde sie den einen Gentleman mit gutem Charakter, Verstand und Humor finden.

Das schien ihr der Inbegriff romantischer Liebe zu sein: die stille Zufriedenheit zweier verwandter Seelen, die in sanfter Harmonie zusammenfanden.

Ihr innerer Aufruhr, als der neue Earl Fitzhugh in das Gesellschaftszimmer geführt wurde, traf sie daher völlig unvorbereitet. Es war, als erschiene ihr ein Engel, dessen grelles weißes Licht sie blendete. Von diesem übernatürlichen Strahlen eingehüllt stand vor ihr ein junger Mann, der seine Flügel gerade in diesem Moment zusammengefaltet haben musste, um zumindest im Ansatz einem Sterblichen zu ähneln.

Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

Aus reinem Selbstschutz senkte sie instinktiv den Kopf, bevor sie noch die Herrlichkeit seiner Züge ganz begriffen hatte. Aber in ihrem Inneren herrschte wilde Aufregung, ein Gefühl, das zu gleichen Teilen aus Freude und Elend bestand.

Hier musste ein Fehler vorliegen. Der verstorbene Graf konnte unmöglich einen Cousin haben, der so aussah. Jeden Augenblick würde er als Kommilitone des neuen Earls vorgestellt werden, oder vielleicht als Sohn Colonel Clements‘, des Vormunds des jungen Earls.

„Millie“, sagte ihre Mutter, „darf ich dir Lord Fitzhugh vorstellen. Lord Fitzhugh, meine Tochter.“

Großer Gott, er war es doch. Dieser umwerfend gutaussehende junge Mann war der neue Lord Fitzhugh.

Sie musste ihren Blick heben. Er erwiderte ihn mit ruhigen, blauen Augen, als er ihr die Hand gab.

„Miss Graves“, sagte er.

Ihr Herz schlug wie trunken. Sie war so eine absolute Aufmerksamkeit eines Mannes nicht gewohnt. Natürlich kannte sie die freundliche Aufmerksamkeit ihrer Mutter, aber wenn ihr Vater mit ihr sprach, so hing sein Blick immer halb auf seiner Zeitung.

Lord Fitzhugh hingegen konzentrierte sich völlig auf sie, als wäre sie die wichtigste Person, der er je begegnet war.

„Mylord“, murmelte sie. Sie nahm die Wärme auf ihrem Gesicht ebenso unangenehm wahr wie die Perfektion seiner Wangenknochen, die die Alten Meister sofort hätte zum Pinsel greifen lassen.

Gleich nach ihrer Vorstellung wurde das Abendessen aufgetragen. Der Earl bot Mrs Graves seinen Arm, und Millie verbarg nur mühsam ihren Neid, während sie Colonel Clements‘ Arm nahm.

Sie blickte zum Earl, als der gerade in ihre Richtung sah. Ihre Blicke trafen sich einen Augenblick lang.

Hitze strömte durch ihre Adern. Sie wurde nervös, fühlte sich beinahe benommen.

Was war nur mit ihr los? Millicent Graves, Mauerblümchen par excellence, durch deren Adern der Mangel an Leidenschaft floss, empfand solch seltsam aufflammende Wallungen nicht. Um Himmels Willen, sie hatte ja noch nicht einmal einen Brontë-Roman gelesen. Warum fühlte sie sich dann auf einmal wie eines der jungen Bennet-Mädchen, die kicherten und kreischten und sich nicht im Geringsten beherrschen konnten?

Sie war sich nur am Rande des Umstands bewusst, dass sie nichts über den Charakter, Verstand oder das Temperament des Earls wusste. Dass sie sich oberflächlich und närrisch aufführte, als wollte sie den Karren vor den Ochsen spannen. Aber das Chaos in ihrem Inneren hatte ein Eigenleben entwickelt.

Als sie den Salon betraten, sagte Mrs Clements: „Was für ein wunderbar gedeckter Tisch. Finden Sie nicht auch, Fitz?“

„In der Tat“, sagte der Earl.

Sein Name war George Edward Arthur Granville Fitzhugh – der Familienname war auch zugleich der Titel. Aber offensichtlich nannten ihn die, die ihn kannten, Fitz.

Fitz. Ihre Lippen und Zähne spielten mit der Silbe. Fitz.

Beim Essen ließ der Earl Colonel Clements und Mrs Graves den größten Teil der Unterhaltung bestreiten. War er schüchtern? Beherzigte er noch immer der Vorstellung, dass man Kinder sehen, aber nicht hören sollte? Oder nutzte er die Gelegenheit, sich ein Bild von seinen zukünftigen Schwiegereltern zu machen – und somit auch von seiner zukünftigen Frau?

Allerdings schien er ihr selbst keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken. Es wäre ihm auch nicht leicht gefallen: Ein dreistöckiger, silberner Tafelaufsatz mit Orchideen, Lilien und Tulpen an jedem seiner sieben Arme versperrte ihm die Sicht.

Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

Durch Blüten und Stängel konnte sie manchmal einen Blick auf sein Lächeln erhaschen – wobei ihr jedes Mal die Ohren glühten, auch wenn es Mrs Graves zu seiner Rechten galt und nicht ihr. Allerdings noch häufiger sah er zu ihrem Vater.

Ihr Großvater und ihr Onkel hatten das Vermögen der Graves aufgebaut. Als sich die Geldsäcke der Familie füllten, war ihr Vater jung genug gewesen, um nach Harrow geschickt zu werden. Er hatte sich wie erwartet die Sprechweise der Oberschicht angeeignet, aber sein natürliches Temperament war zu blass, um seine Bildung in vollem Glanz aufstrahlen zu lassen, wie es die Familie eigentlich gehofft hatte.

Dort saß er nun, am Kopf des Tisches, weder ein risikofreudiger Hasardeur wie sein verstorbener Vater, noch ein charismatischer, kühl kalkulierender Unternehmer wie sein verstorbener Bruder, sondern ein Bürokrat, ein Verwalter des Reichtums und Besitzes, der ihm anvertraut worden waren. Ganz sicher keiner der aufregendsten Männer.

Und doch gehörte ihm an diesem Abend die ganze Aufmerksamkeit des jungen Earls.

Hinter ihm hing ein riesiger Spiegel mit verziertem Rahmen an der Wand, der die Gesellschaft bei Tisch in allen Details wiedergab. Millie sah manchmal in den Spiegel und stellte sich vor, sie wäre eine unbeteiligte Beobachterin, die eine private Mahlzeit in all ihren Nuancen dokumentierte. Aber an diesem Abend hatte sie es noch nicht gewagt, in den Spiegel zu schauen, da der Earl am anderen Ende des Tisches neben ihrer Mutter saß.

Sie fand ihn im Spiegel. Ihre Blicke trafen sich erneut.

Er hatte nicht zu ihrem Vater gesehen. Im Spiegel hatte er sie angesehen.

Mrs Graves hatte sie über die Geheimnisse der Ehe aufgeklärt – sie hatte nicht gewollt, dass Millie von den Tatsachen des Lebens regelrecht überfallen wurde. Die Wahrheit über das, was sich zwischen einem Mann und einer Frau hinter verschlossenen Schlafzimmertüren abspielte, hatte dafür gesorgt, dass Millie Vertretern des anderen Geschlechtes üblicherweise mit einer gewissen Vorsicht begegnete. Aber seine Aufmerksamkeit löste ein Feuerwerk in ihr aus – Wonneschauer explodierten in ihr, vollkommene Glücksgefühle brachen über sie herein.

Wenn sie verheiratet wären und allein …

Sie errötete.

Aber sie wusste es schon: Es würde ihr nichts ausmachen.

Nicht mit ihm.

Die Herren hatten sich kaum wieder im Salon zu den Damen gesellt, als Mrs Graves verkündete, dass Millie der Gesellschaft etwas vorspielen werde.

„Millicent beherrscht das Pianoforte wirklich hervorragend“, sagte sie.

Dieses Mal freute sie sich darauf, ihre Fähigkeit zur Schau stellen zu können – ihr fehlte vielleicht wahres musikalisches Talent, aber ihre Technik war perfekt.

Als sie sich an das Klavier setzte, wandte sich Mrs Graves an Lord Fitzhugh: „Mögen Sie Musik, Sir?“

„Sehr sogar“, antwortete er. „Kann ich Miss Graves vielleicht behilflich sein? Ich könnte die Seiten für sie umblättern.“

Millies Hand hielt über dem Notenhalter inne. Die Sitzbank war nicht besonders lang. Er würde dicht neben ihr sitzen.

„Bitte“, sagte Mrs Graves.

Tatsächlich setzte er sich so dicht neben sie, dass sein Hosenbein die Rüschen ihres Rockes berührte. Er duftete frisch und anregend, wie ein Nachmittag auf dem Land. Und das Lächeln auf seinem Gesicht, als er seinen Dank murmelte, ließ sie vergessen, dass eigentlich sie ihm hätte danken müssen.

Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

Er sah von ihr weg zum Notenblatt. „Die Mondscheinsonate. Haben Sie nicht etwas Längeres?“

Die Frage verwirrte – und erfreute – sie. „Normalerweise hört man nur den ersten Satz der Sonate, das Adagio Sostenuto. Aber es gibt zwei zusätzliche Sätze. Ich kann nach dem ersten Satz weiterspielen, wenn Sie möchten.“

„Ich wäre Ihnen sehr verbunden.“

Sie war froh, dass sie fast automatisch und größtenteils aus dem Gedächtnis spielen konnte, denn sie konnte sich überhaupt nicht auf die Noten konzentrieren. Seine Fingerspitzen ruhten leicht auf der Ecke des Notenpapiers. Er hatte wunderschöne Hände, stark und elegant. Sie stellte sich vor, wie er eine seiner Hände um einen Kricketball schloss – es war beim Essen erwähnt worden, dass er in der Schulmannschaft spielte. Der Ball, den er warf, musste schnell wie ein Blitz sein. Er würde ein Krickettor sofort umwerfen und den Schlagmann ausscheiden lassen, und die Menge würde in Jubelrufe ausbrechen.

„Ich habe eine Bitte, Miss Graves.“ Er senkte seine Stimme beinahe zu einem Flüstern.

Während sie spielte, konnte ihn außer ihr niemand hören.

„Ja, Mylord?“

„Ich möchte, dass Sie weiterspielen, ganz gleich, was ich sage.“

Ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Jetzt ergab alles langsam Sinn. Er wollte neben ihr sitzen, damit sie sich in einem Raum voller Erwachsener privat unterhalten konnten.

„Gut, ich spiele weiter“, entgegnete sie. „Was möchten Sie sagen, Sir?“

„Ich möchte wissen, ob Sie zu dieser Ehe gezwungen werden?“

Lediglich die unzähligen Stunden, die sie am Klavier verbracht hatte, hielten Millie davon ab, abrupt innezuhalten. Ihre Finger drückten weiterhin die richtigen Tasten. Noten verwandelten sich ohne ihr Zutun in Töne. Aber es war, als würde jemand im Nachbarhaus am Klavier sitzen. Sie nahm die Musik nur wie aus großer Ferne wahr.

„Vermittle … vermittle ich den Eindruck, dass ich gezwungen würde, Sir?“ Selbst ihre Stimme klang ihr fremd.

Er zögerte. „Ganz und gar nicht.“

„Warum fragen Sie dann?“

„Sie sind sechzehn.“

„Es ist nicht besonders ungewöhnlich, mit sechzehn zu heiraten.“

„Einen Mann, der mehr als doppelt so alt ist?“

„Sie klingen so, als sei der Earl altersschwach gewesen. Er war ein Mann in den besten Jahren.“

„Ich bin mir sicher, dass manche dreiunddreißigjährigen Männer Sechzehnjährige dahinschmelzen lassen, aber mein Cousin war kein solcher Mann.“

Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

Sie kamen ans Ende der Seite, und er blätterte gerade noch rechtzeitig um. Sie warf ihm einen raschen Blick zu, doch er sah sie nicht an.

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Mylord?“, hörte sie sich selbst sagen.

„Bitte.“

„Werden Sie dazu gezwungen, mich zu heiraten?“

Bei ihren Worten wurde ihr schwindlig, als wiche ihr alles Blut aus dem Körper. Sie hatte Angst vor seiner Antwort. Nur ein Mann, der selbst gezwungen wurde, würde sich die Frage stellen, ob nicht auch sie unter demselben Druck stand.

Er schwieg eine Weile. „Finden Sie diese Art Absprachen nicht auch außerordentlich geschmacklos?“

Freude und Elend – sie war zwischen diesen beiden völlig entgegengesetzten Gefühlen hin und her gerissen gewesen. Aber jetzt war ihr nur noch elend zumute. Seine Stimme klang höflich. Aber seine Frage klagte sie der Mittäterschaft an. Er wäre nicht hier, wenn sie nicht zugestimmt hätte.

„Ich …“ Sie spielte das Adagio Sostenuto viel zu schnell – kein Mondlicht in ihrer Sonate, nur im Sturm gegen Fensterläden peitschende Äste. „Ich schätze, ich hatte Zeit, mich damit abzufinden. Ich wusste mein ganzes Leben lang, dass ich in dieser Angelegenheit kein Mitspracherecht haben würde.“

„Mein Cousin hat jahrelang gewartet“, sagte der Earl. „Er hätte früher heiraten und einen Erben bekommen sollen, dem er alles hinterlassen konnte. Wir sind nur ganz entfernt verwandt.“

Er will mich gar nicht heiraten, dachte sie benommen, nicht im Geringsten.

Das war ihr nicht neu. Sein Vorgänger hatte sie auch nicht heiraten wollen. Sie hatte seine Abneigung als etwas, was zu erwarten gewesen war, akzeptiert. Hatte auch nie etwas anderes erhofft. Aber die Unwilligkeit des jungen Mannes auf der Klavierbank neben ihr … Es war, als hielte sie einen Eisklumpen in den bloßen Händen, dessen Kälte sich in schwarzen, brennenden Schmerz verwandelte.

Es war demütigend, sich so nach jemandem zu verzehren, der ihre Gefühle nicht erwidern konnte, der den bloßen Gedanken, sie zur Frau nehmen zu müssen, so abstoßend fand.

Er blätterte zur nächsten Seite. „Denken Sie nie bei sich: Nein, das werde ich nicht tun?“

„Natürlich habe ich daran gedacht“, sagte sie, nach all den Jahren des stillen Gehorsams plötzlich verbittert. Aber sie zwang sich, ihre Stimme ruhig und gleichmäßig klingen zu lassen. „Und dann denke ich ein wenig weiter. Laufe ich davon? Meine Fertigkeiten als Dame sind jenseits der Mauern dieses Hauses nicht sehr nützlich. Biete ich meine Dienste als Gouvernante an? Ich weiß nichts über Kinder – rein gar nichts. Weigere ich mich einfach und warte ab, ob mein Vater mich so sehr liebt, dass er mich nicht enterbt? Ich bin mir nicht sicher, ob ich den Mut dazu habe, das herauszufinden.“

Er rieb die Ecke eines Notenblattes zwischen seinen Fingern. „Wie ertragen Sie das?“

Dieses Mal lag kein anklagender Unterton in seiner Frage. Wenn sie wollte, konnte sie darin sogar eine Art trostloses Mitgefühl erkennen. Was ihr Elend, dieses garstige Monster mit messerscharfen Zähnen, nur steigerte.

„Ich beschäftige mich mit anderen Dingen und denke nicht zu genau darüber nach.“ Ihre Stimme klang so bitter, wie sie es sich nur selten gestattete.

Da, jetzt war es klar. Sie war ein stumpfsinniger Automat, der alles tat, was andere ihm auftrugen: aufstehen, schlafen gehen und zwischendurch eine Menge Verachtung von künftigen Ehemännern ernten.

Sie hatten einander nichts mehr zu sagen und tauschten nur noch die üblichen Höflichkeiten am Ende ihres Vortrages aus. Jeder applaudierte. Mrs Clements sagte sehr nette Dinge über Millies musikalisches Können – was sie aber kaum hörte.

Der Rest des Abends zog sich in die Länge so lange wie Königin Elizabeths Herrschaft.

Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

Mr Graves, der für gewöhnlich sehr ruhig und schweigsam war, unterhielt sich lebhaft mit dem Earl über Kricket. Millie und Mrs Graves hörten sich aufmerksam Colonel Clements‘ Armeegeschichten an. Hätte jemand durch das Fenster hineingesehen, wäre ihm die Gesellschaft im Salon äußerst normal und recht gut gelaunt erschienen.

Und doch lag genug Kummer in der Luft, um Blumen welken und Tapeten sich verziehen zu lassen. Niemand bemerkte die Niedergeschlagenheit des Earls. Und niemand – außer Mrs Graves, die Millie immer wieder besorgt musterte – bemerkte ihre. War Unglück wirklich so unsichtbar? Oder wandten die Leute einfach nur den Blick davon ab, als handelte es sich um Aussatz?

Nachdem die Gäste gegangen waren, erklärte Mr Graves das Abendessen zu einem succès énorme, einem gewaltigen Erfolg. Und er, der dem vorherigen Earl durch und durch skeptisch gegenübergestanden hatte, lobte dessen jungen Nachfolger in den höchsten Tönen. „Ich freue mich darauf, Lord Fitzhugh zum Schwiegersohn zu haben.“

„Er hat mir noch keinen Antrag gemacht“, erinnerte ihn Millie. „Und er wird es vielleicht auch nie tun.“

Zumindest hoffte sie das. Sollten sie doch jemand anderen für sie finden. Irgendjemand anderen. „Oh, er wird dir auf jeden Fall einen Antrag machen“, sagte Mr Graves. „Er hat keine andere Wahl.“

„Hast du wirklich keine andere Wahl?“, fragte Isabelle.

In ihren Augen glitzerten Tränen. Hilflosigkeit brannte in Fitz. Er konnte nichts tun, um diese Zukunft aufzuhalten, die wie ein entgleister Zug auf ihn zuraste, und noch weniger, um den Schmerz der Frau, die er liebte, zu lindern.

„Die einzige Wahl, die ich habe, ist, nach London zu gehen, um eine andere Erbin zu finden, die bereit ist, mich zu heiraten.“

Sie wandte ihr Gesicht ab und fuhr sich mit der Hand über die Augen. „Wie ist sie, diese Miss Graves?“

Wen kümmerte das schon? Er konnte sich nicht an ihr Gesicht erinnern. Er wollte es auch gar nicht. „Es gibt nichts, was gegen sie spricht.“

„Ist sie hübsch?“

Er schüttelte den Kopf. „Das weiß ich nicht. Und es interessiert mich auch nicht.“

Sie war nicht Isabelle – sie konnte nie hübsch genug sein.

Es war ihm unerträglich, Miss Graves als unverrückbaren Teil seines Lebens zu betrachten. Er fühlte sich missbraucht. Er hob die Schrotflinte und drückte den Abzug. Fünfzehn Meter von ihnen entfernt explodierte eine Tontaube. Der Boden war von Scherben übersät. Es war eine qualvolle Unterhaltung gewesen.

„Nächstes Jahr um diese Zeit könntest du ein Kind haben“, sagte sie mit brechender Stimme. „Die Graves wollen ja was für ihr Geld haben – und das schon bald.“

Oh Gott, natürlich würden sie das von ihm erwarten. Eine weitere Tontaube zersprang. Er spürte den Rückstoß an seiner Schulter kaum.

Es war ihm zunächst nicht so schrecklich vorgekommen, aus heiterem Himmel Earl zu werden. Er wusste sofort, dass er seine Pläne, in die Armee einzutreten, aufgeben musste: Ein Earl, auch wenn er noch so arm war, war zu wertvoll, um an vorderster Front zu kämpfen. Es war ein heftiger Schlag gewesen, aber bei Weitem nicht niederschmetternd. Er hatte sich für das Militär entschieden, weil es ihm etwas abverlangen würde. Ein Anwesen vor dem Ruin zu retten und wiederaufzubauen, war ebenso anspruchsvoll und ehrenhaft. Und er hatte nicht angenommen, dass es Isabelle etwas ausmachen würde, Countess zu werden. Sie würde eine hervorragende Figur in der Gesellschaft abgeben.

Aber sobald er Henley Park, seinen neuen Wohnsitz, betrat, gerann ihm das Blut in den Adern. Er war mit seinen neunzehn Jahren kein armer Earl geworden, sondern ein vollkommen mittelloser.

Der Zustand des Landsitzes war erschreckend. Die Orientteppiche im Herrenhaus waren mottenzerfressen, genau wie die Samtvorhänge. Durch viele der Kamine zog der Rauch nicht ab: Die Wände und Gemälde waren rußgeschwärzt. Und in jedem der oberen Räume waren die Decken grün und grau mit Schimmel bedeckt, der sich wie die Linien einer verzerrten Landkarte überallhin ausbreitete.

Ein Haus von dieser Größe benötigte fünfzig Diener allein im Haus und kam notfalls mit dreißig aus. Aber in Henley Park waren die Bediensteten auf fünfzehn gekürzt worden, von denen die eine Hälfte zu jung – viele der Hausmädchen waren gerade erst zwölf Jahre alt – und die andere zu alt war. Einige der Bediensteten arbeiteten schon ihr ganzes Leben für die Familie und konnten nirgendwo anders hin.

Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

In seinem Zimmer knarzte alles: der Boden, das Bett, die Türen des Kleiderschrankes. Die Rohrleitungen waren hoffnungslos veraltet. Der lange Niedergang des Familienvermögens hatte begonnen, ehe es zu entscheidenden Modernisierungen der Innenausstattung hatte kommen können. In den drei Nächten, die er dort verbracht hatte, hatte er zitternd vor Kälte dagelegen und den munteren Zusammenkünften der Ratten in den Wänden gelauscht.

Es war noch einen Schritt von einer völligen Ruine entfernt, aber es war nur ein sehr kleiner Schritt.

Isabelles Familie war durch und durch ehrbar. Die Pelhams, wie die Fitzhughs selbst, waren mit einigen Familien des Hochadels verwandt und galten allgemein als zuverlässig, aufrecht und gottesfürchtig, kurz: sie waren so etwas wie der Stolz des niederen Adels. Aber weder die Fitzhughs noch die Pelhams waren wohlhabend. Die Geldmittel, die sie zusammenkratzen konnten, würden nicht einmal reichen, um das Dach von Henley Park abzudichten oder das verrottende Fundament instand zu setzen.

Wenn es aber nur das Haus gewesen wäre, hätten sie es mit einigen Entbehrungen noch irgendwie hinbekommen. Unglücklicherweise hatte er auch achtzigtausend Pfund Schulden geerbt. Und davor gab es kein Entkommen.

Wäre er zehn Jahre jünger, hätte er seinen Kopf in den Sand stecken können und Colonel Clements hätte sich um seine Probleme kümmern müssen. Aber in zwei Jahren wurde er volljährig, war also fast schon ein Mann. Er konnte vor seinen Problemen nicht davonlaufen, die sich mit jedem Augenblick der Unachtsamkeit mit Sicherheit nur verschlimmern würden.

Die einzige mögliche Lösung bestand im Verkauf seiner Person. Er würde seinen verfluchten Titel gegen eine Erbin tauschen, deren Vermögen groß genug war, um seine Schulden zu begleichen und sein Haus zu retten.

Aber dazu musste er Isabelle aufgeben.

„Lass uns nicht mehr davon reden“, sagte er mit zusammengebissenen Zähnen.

Er verlangte nicht viel vom Leben. Der Weg, den er für sich selbst vorgezeichnet hatte, war einfach und geradlinig: Offiziersausbildung in Sandhurst, der ein Offizierspatent folgen würde, und sobald er seine erste Beförderung erhielt, wollte er um ihre Hand anhalten. Sie war nicht nur schön, sie war auch intelligent, widerstandsfähig und abenteuerlustig. Zusammen wären sie unglaublich glücklich geworden.

Tränen rollten ihr über die Wangen. „Ob wir nun davon reden oder nicht, es wird ja doch geschehen.“

Sie hob ihre Schrotflinte und schoss die letzte verbliebene Tontaube in Stücke. Zersplittert wie sein Herz.

„Ganz gleich, was auch passiert …“

Er konnte nicht weitersprechen. Er war nicht länger in der Lage, ihr seine Liebe zu gestehen. Was auch immer er sagte, es würde die Sache nur noch schlimmer machen.

„Heirate sie nicht“, flehte sie mit heiserer Stimme und feurigem Blick. „Vergiss Henley Park. Lass uns zusammen durchbrennen.“

Wenn das doch bloß möglich wäre. „Wir sind beide noch nicht volljährig. Unsere Ehe wäre ohne die Zustimmung deines Vaters und meines Vormundes nicht gültig. Ich weiß nicht, wie dein Vater dazu steht, aber Colonel Clements ist fest entschlossen, dass ich meine Pflicht tue. Er würde dich eher in den Ruin treiben, als unsere Ehe zu erlauben.“

Über ihnen grollte Donner. „Isabelle, Lord Fitzhugh“, rief ihre Mutter aus dem Haus. „Kommt besser rein. Es regnet gleich!“

Keiner von beiden rührte sich.

Regentropfen landeten auf seinem Kopf, jeder so schwer wie ein Kiesel.

Sie starrte ihn an. „Erinnerst du dich an deinen ersten Besuch hier?“

„Natürlich.“

Eine bezaubernde Erbin (Die Fitzhugh Trilogie, Band 2)

Er war sechzehn gewesen, sie fünfzehn. Er war am Ende des Michaelis-Trimesters mit Pelham, Hastings und zwei weiteren Schulkameraden aus Eton hergekommen. Sie kam die Treppe hinabgelaufen, um Pelham zu umarmen. Fitz hatte sie vorher schon gesehen, als sie Pelham in Eton besucht hatte, aber an jenem Tag war sie nicht länger das kleine Mädchen mehr, sondern eine anmutige, junge Frau, voller Lebensdrang und Elan. Das Licht der Nachmittagssonne, das schräg in die Eingangshalle fiel, ließ sie aussehen, als stünde sie in Flammen. Und als sie sich umdrehte und zu ihm: „Ah, Mr Fitzhugh, ich erinnere mich an Sie“, sagte, war es bereits um ihn geschehen.

„Erinnerst du dich an die Kampfszene in Romeo und Julia?“, fragte sie leise.

Er nickte. Er wünschte sich, dass er die Zeit zurückdrehen, die Gegenwart hinter sich lassen und stattdessen wieder in jenen glücklicheren Tagen leben könnte.

„Ich erinnere mich ganz deutlich an alles: Gerry war Tybalt und du Mercutio. Du hattest einen von Vaters Gehstöcken in einer Hand und ein belegtes Brot in der anderen. Du hast einmal abgebissen und gespottet: ‚Tybalt, du Ratzenfänger! willst du dran?‘“ Sie lächelte trotz ihrer Tränen. „Dann hast du gelacht. Mein Herz setzte kurz aus, und ich wusste in dem Moment, dass ich den Rest meines Lebens mit dir verbringen wollte.“

Sein Gesicht war feucht. „Du wirst einen Besseren finden.“ Er zwang sich zu den Worten.

„Ich will niemand anderen. Ich will nur dich.“

Und er wollte nur sie. Aber es sollte nicht sein. Sie sollten nicht zusammen kommen.

Es regnete in Strömen. Es war ein erbärmlicher Frühling gewesen. Er bezweifelte, jemals wieder unter einem wolkenlosen Himmel zu stehen.

„Isabelle, Lord Fitzhugh, kommt sofort rein“, wiederholte Mrs Pelham.

Sie rannten. Als sie das Haus erreichten, griff sie nach seinem Arm und zog ihn zu sich. „Küss mich.“

„Ich kann nicht. Selbst wenn ich nicht um Miss Graves anhalte, werde ich eine andere heiraten.“

„Hast du jemals geküsst?“

„Nein.“ Er hatte auf sie gewartet.

„Ein weiterer Grund, warum du mich jetzt küssen solltest. Damit, ganz gleich, was passiert, wir unseren ersten Kuss geteilt haben.“

Ein Blitz fuhr durch die Wolkendecke. Er starrte die wunderschöne Frau an, die niemals die seine werden würde. War es so falsch?

Vermutlich nicht, denn im nächsten Augenblick küsste er sie und verlor sich in diesem letzten Moment der Freiheit und des Glücks.

Als sie ihre Rückkehr ins Haus nicht länger hinauszögern konnten, zog er sie fest an sich und flüsterte, was er ihr nicht hatte sagen wollen:

„Ganz gleich, was auch passiert, ich werde dich immer, immer lieben.“