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Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

Die Fitzhugh Trilogie

Ein Library Journal Bester Liebesroman des Jahres 2012.

„Auf den Punkt gebracht: Dies ist der beste historische Liebesroman des Jahres 2012. Wenn Sie dieses Jahr nur einen Historical lesen, selbst wenn Sie das Genre sonst … meiden, sollten es “Eine verführerische Braut” sein.“ - The Season

Er liebt sie. Sie hasst ihn. Aber dann mischt das Schicksal die Karten neu: Nach einem Unfall sieht sie in ihm nur noch einen gutaussehenden Fremden.

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Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

 ♦ April 2014
ebook
Originaltitel: Tempting the Bride
ISBN-13: 9781631280023
ISBN-10: 1631280023

Leseprobe

Prologue

1888

Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

David Hillsborough, Viscount Hastings, war noch nie verliebt gewesen. Und ganz sicher war er noch nie unglücklich verliebt gewesen. Sein Herz war vollkommen unbeschwert von Kümmernissen, während er sich der Aufgabe widmete, alles, was das Leben einem reichen, gut aussehenden Junggesellen wie ihm zu bieten hatte, in vollen Zügen zu genießen.

Das war wenigstens das Bild, das er allen präsentierte.

Einige seiner engsten Freunde hatten die Wahrheit vermutlich erraten – vielleicht schon vor langer Zeit, denn sein spezieller Fall von unerwiderter Liebe begleitete ihn schon fast die Hälfte seines Lebens. Es tröstete ihn jedoch, dass sie davon nicht die leiseste Ahnung hatte. Und mit etwas Hilfe von oben würde das auch so bleiben.

Denn wenn sie es je herausfand, würde er durch die Hölle gehen.

Nicht, dass er augenblicklich weit von diesem Ort entfernt war, da er der Frau seiner Träume – Miss Helena Fitzhugh – dabei zusah, wie sie einen anderen Mann voller Bewunderung anblickte. Ihre ältere Schwester war nach einhelliger Meinung die schönste Frau ihrer Zeit, aber er persönlich konnte den Blick nie von Miss Fitzhugh wenden. Von ihrem flammend roten Haar, ihrem strahlenden Teint, ihrem klugen, spitzbübischen Blick.

Es grämte ihn nicht so sehr, dass sie einen anderen liebte. Wenn man sich an einem Wettkampf nicht beteiligte, konnte man sich schließlich nicht beschweren, dass jemand anderes gewann. Dass der Mann, an den sie ihre Aufmerksamkeit so freigiebig verschwendete, diese nicht im Geringsten verdiente, störte ihn jedoch zutiefst.

Andrew Martin hätte sie vor Jahren ehelichen können. Aber seine Mutter hatte von ihm erwartet, dass er eine andere zur Frau nahm, um zwei benachbarte Ländereien zu vereinen. Da ihm der Mut gefehlt hatte, seiner Mutter zu trotzen, hatte er sich ihren Wünschen gefügt.

Selbst in einem Land voller emotionsloser, arrangierter Ehen hob sich Mr Martins von allen anderen als besonders kalt und förmlich ab. Die Eheleute speisten zu unterschiedlichen Zeiten, bewegten sich in verschiedenen Kreisen und kommunizierten fast ausschließlich schriftlich miteinander.

All das war nebensächlich. Glücklich oder nicht, ein verheirateter Mann war ein verheirateter Mann, und eine ehrbare junge Frau hatte anderswo nach Erfüllung zu suchen.

Miss Fitzhugh scherte sich nicht um Regeln. Bisher waren es allerdings eher Verhaltensempfehlungen gewesen, die sie bewusst ignoriert hatte, statt dass sie wirklich Regeln gebrochen hätte. Als sie als Einzige der Geschwister Fitzhugh nach einem Universitätsabschluss strebte, wertete man das als exzentrisch, und als sie ihr Geld nach einer kleiner Erbschaft in einen Verlag steckte, den sie selbst führte, wurde dieses Unternehmen schlicht als eine weitere Eigenart der Familie abgetan – schließlich leitete ihr Bruder Earl Fitzhugh die Konservenfabriken, die seine Frau geerbt hatte.

Eine enge Freundschaft mit einem verheirateten Mann zu pflegen sprengte aber die Grenzen dessen, was als angemessenes Benehmen betrachtet wurde. Sie musste dafür nicht einmal wirklich sündigen. Der bloße Anschein von Unschicklichkeit würde vollkommen ausreichen, um sie angreifbar zu machen.

Der Salon des Landsitzes von Lord Wrenworth hallte von Lachen und guter Laune wider. Mrs Denbigh, Miss Fitzhughs verheiratete Freundin, die auf der Hausgesellschaft der Wrenworths als ihre Anstandsdame fungierte, war vollauf damit beschäftigt, sich zu amüsieren. Hastings wartete auf eine Pause in der Unterhaltung, an der er teilgenommen hatte, entschuldigte sich und ging quer durch den Raum zu Miss Fitzhugh und Martin, die einander zugewandt auf einer Chaiselongue saßen, sodass sie allein schon durch ihre Körperhaltung Störungen durch andere verhinderten.

„Mr Martin, was tun Sie denn noch hier?“, fragte Hastings. „Sollten Sie nicht gerade an Ihrem neuen Wälzer schreiben?“

Miss Fitzhugh antwortete für Martin. „Aber er arbeitet doch. Er berät sich mit seiner Verlegerin.“

„Wenn ich mich nicht irre, berät er sich bereits seit heute Morgen mit seiner Verlegerin. Ein Koch kann sich den ganzen Tag mit der Herrin des Hauses beraten, das bringt jedoch am Ende des Tages keine Mahlzeit auf den Tisch. Mr Martin würde die Leser um sein nächstes vortreffliches Werk bringen, wenn er all seine Stunden damit verbrächte, lediglich darüber zu sprechen, und keine einzige damit, die Worte tatsächlich zu Papier zu bringen.“

Martin errötete. „Da haben Sie nicht ganz unrecht, Lord Hastings.“

„Ich habe nie unrecht. Mir ist zu Ohren gekommen, dass Sie zum Arbeiten hier sind und Lord Wrenworth eigens um ein ruhig gelegenes Zimmer gebeten haben. Sie haben dieses Zimmer zu diesem Zweck noch nicht benutzt, oder?“

Martin errötete noch heftiger. „Ah …“

„Ich für meinen Teil kann es kaum erwarten, mehr über Offa von Mercien zu erfahren.“

„Sie haben das Buch gelesen?“

Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

„Natürlich. Warum so überrascht? Habe ich an der Universität etwa keinen äußerst ausgeprägten Intellekt und weitreichende Neugier an den Tag gelegt?“

„Doch, sicher.“

„Dann sollten Sie sich geehrt fühlen, mich zu Ihren Lesern zählen zu dürfen. Nun gehen Sie schon. Schreiben Sie bis tief in die Nacht, und hören Sie auf damit, Miss Fitzhugh für sich allein zu beanspruchen. Sie sind ein verheirateter Mann, schon vergessen?“

Martin lächelte leicht verlegen und erhob sich. Miss Fitzhugh warf Hastings einen eisigen Blick zu. Er ignorierte ihn, scheuchte Martin weg und nahm dessen Platz auf der Chaiselongue ein.

„Ich glaube nicht, dass Sie Mr Martins Buch gelesen haben.“

Hastings las jedes von ihr veröffentlichte Buch von der ersten bis zur letzten Seite, selbst die, die sie einzig des Profites wegen herausbrachte. „Nur die erste und die letzte Seite – aber war es nicht beeindruckend, wie ich darüber gesprochen habe?“

Sie sah ihn voller Verachtung an. „Sie klangen blasiert und überheblich, Hastings. Und meinen Freund einfach wegschicken? Wahrhaftig, selbst von Ihnen hätte ich Besseres erwartet.“

Er lehnte sich zurück. „Lassen Sie uns keine Worte mehr an Mr Martin verschwenden, der Ihr Interesse sicher nicht verdient. Ich würde es vielmehr begrüßen, darüber zu sprechen, wie entzückend Sie heute Abend aussehen, meine liebe Miss Fitzhugh.“

Er machte keinen Hehl daraus, wohin sein Blick schweifte: direkt auf ihr Dekolleté. Er hatte sie schon geliebt, bevor sie überhaupt so etwas wie ein Dekolleté gehabt hatte, und scheute sich nicht, den Anblick zu genießen, wann immer ihr Ausschnitt es zuließ.

Im Gegenzug klappte sie ihren Fächer auf und verwehrte ihm damit geschickt die Sicht. „Lassen Sie sich von mir nicht aufhalten, Hastings. Wenn ich mich nicht irre, versucht Mrs Ponsonby, Ihre Aufmerksamkeit zu erregen.“

„Sie irren sich nicht“, erwiderte er halblaut. „Sie alle ringen um meine Aufmerksamkeit. Alle Frauen, die ich je getroffen habe.“

„Ich weiß, worauf das hinausläuft. Sie möchten, dass ich widerspreche und sage, ich hätte Ihre Aufmerksamkeit nie gewollt. Dann kontern Sie damit, ich hätte immer nur so getan, als ignorierte ich Sie, und meine Gleichgültigkeit sei schon immer nur der jämmerliche Versuch gewesen, Sie neugierig zu machen.“

Sie klang leicht gelangweilt. Er hatte sie früher besser und für längere Zeit verärgern können. Mehr noch als ihre Wut fürchtete er ihre Gleichgültigkeit – nicht Hass war das Gegenteil von Liebe, sondern Desinteresse: in einer solchen Nähe zu ihr zu existieren und doch von ihr unbeachtet zu bleiben, keinen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.

Er schnalzte mit der Zunge. „Miss Fitzhugh, so wenig originell würde ich nie sein. Natürlich möchten Sie meine Aufmerksamkeit, aber nur, um sie mir um die Ohren zu schlagen. Es bereitet Ihnen Vergnügen, mich in meine Schranken zu verweisen, meine Liebe.“

Ein Funke blitzte in ihren Augen auf, fast schon wieder verschwunden, ehe er ihn überhaupt bemerkt hatte. Für diese Augenblicke lebte er – Momente, in denen sie gezwungen war, den in ihm zu sehen, der er war, statt den, für den sie ihn hielt.

Das Schlimmste daran, sich so früh in sie zu verlieben, war, dass er mit vierzehn ein richtiger Schnösel gewesen war, überheblich und zugleich voller Selbstmitleid. Die Tatsache, dass er bei ihrer ersten Begegnung fast fünfzehn Zentimeter kleiner gewesen war als sie – sie hatte einen Meter fünfundsiebzig gemessen, er wenig mehr als einen Meter sechzig –, war fast genauso schlimm gewesen. Obwohl sie nur ein paar Wochen älter war, hatte sie in ihm nur ein Kind gesehen, während er unter den Höllenqualen der ersten Liebe litt.

Als er keinen Weg fand, ihre Aufmerksamkeit anderweitig zu erregen, begann er, sich abscheulich zu betragen. Sie verabscheute den Wicht, der versuchte, sie in Besenkammern zu locken und ihr Küsse zu stehlen, er hingegen war unglücklich und verzückt zur gleichen Zeit gewesen. Abscheu war besser als Gleichgültigkeit, alles war besser als Gleichgültigkeit.

Als er sie endlich überragte – letztlich um fast zehn Zentimeter –, den Babyspeck verloren hatte und seine Wangenknochen markant hervortraten, hatte sie sich bereits eine feste und unverrückbare Meinung von ihm gebildet. Er für seinen Teil hatte sein Selbstmitleid abgelegt, aber nicht seinen Stolz, und verweigerte sich der Demütigung, die es für ihn bedeutet hätte, sie um einen Neubeginn zu bitten.

Es war nicht so, dass er es nicht gewollt hätte. Jedes Mal, wenn er ihr begegnete, ihre Selbstsicherheit, ihre gewinnenden Züge, ihre schlanke, grazile Gestalt sah, wollte er lauthals Reue über all seine vergangenen Dummheiten bekunden.

Doch stattdessen fügte er jedes Mal der Liste seiner Widerwärtigkeiten eine weitere hinzu. Eine Hochschule für Frauen – nennt man heute die Brutstätten lesbischer Liebe so? Sie werden also Verlegerin – glauben Sie nicht, dass es schon genug schlechte Bücher auf dem Markt gibt? Das ist ein entzückendes Kleid, meine liebe, teure Miss Fitzhugh, zu schade, dass Sie nicht etwas mehr Rundungen haben, um es gefälliger auszufüllen – oder überhaupt irgendwelche.

Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

Bei ihren schlagfertigen Erwiderungen fing sein Herz immer wieder aufs Neue Feuer. Mir war bereits bewusst, dass es viele gute Gründe gibt, eine Hochschule für Frauen zu wählen, aber eine Brutstätte lesbischer Liebe … Meine Güte, das ist ja fast so, als stieße man auf eine Goldader auf genau dem Land, das man gerade eben gekauft hat, nicht wahr? Gewiss erscheinen Ihnen in Anbetracht Ihrer geringen Bildung die meisten Bücher anstrengend. Aber Sie können beruhigt sein, ich werde nur für Sie ein paar Bilderbücher veröffentlichen.

Sein Favorit war ihre Antwort auf seine Verunglimpfung ihrer Figur: Lieber Lord Hastings, es tut mir leid, ich fürchte, ich habe Sie nicht richtig verstanden. Sie nuscheln. Haben Sie den Mund voller – tatsächlich! – voller saurer Trauben? Dabei hatte sie mit dem Zeigefinger eine Linie von ihrem Kinn bis knapp über ihren Ausschnitt gezogen, ihm einen verächtlichen Blick zugeworfen und war dann entschwunden. Er war nie hoffnungsloser verliebt gewesen.

„Sie starren mich an, Hastings“, stellte Miss Fitzhugh im Hier und Jetzt nicht ohne Schärfe fest.

„Ja, ich weiß. Ich betrauere Ihren bevorstehenden körperlichen Verfall. Im Moment sind Sie natürlich noch durchaus ansehnlich, aber der Alterungsprozess wird unausweichlich in Bälde einsetzen. Sie werden auch nicht jünger, Miss Fitzhugh.“

Sie wedelte mit ihrem Fächer. „Wissen Sie denn, was Frauen, die ein gewisses Alter erreicht haben, sich angeblich am meisten wünschen?“

Ihr angedeutetes Lächeln weckte sein Verlangen. „Sagen Sie es mir.“

„Sie loszuwerden, Hastings. Damit sie die wenigen kostbaren Jahre, die ihnen noch bleiben, nicht darauf verschwenden müssen, unter Ihren lüsternen Blicken zu leiden.“

„Wenn ich aufhörte, Sie unsittlich zu betrachten, würden es Ihnen fehlen.“

„Warum unterziehen wir diese Annahme nicht einfach einem Test? Sie hören damit auf, und ich sage Ihnen in etwa zehn Jahren, ob ich es vermisse.“

Er starrte sie noch einen Augenblick an. Er hätte sie den ganzen Abend lang ansehen können – tatsächlich würde er sie den ganzen Abend lang beobachten, egal wo er sich in Lord Wrenworths Salon aufhielt –, doch es war an der Zeit, die Chaiselongue zu verlassen, ehe sie ihn unter Anwendung von Gewalt vertrieb.

Er erhob sich und verneigte sich leicht. „Sie würden es keine zwei Wochen aushalten, Miss Fitzhugh.“

Gegen halb elf zogen sich die Damen zurück. Die Herren rauchten noch Zigarren, spielten ein paar Runden Karten und einige Partien Billard. Hastings war um halb zwölf der Letzte, der sich nach oben begab.

Er ging jedoch nicht direkt auf sein Zimmer, sondern trat in eine Nische, von der aus er begrenzte Sicht auf ihr Zimmer hatte. Unglücklich verliebt zu sein bedeutete nun einmal, auf geschlossene Türen zu starren, während man sich vorstellte, sie seien geöffnet. Schwaches Licht fiel durch den Spalt über dem Boden, höchstwahrscheinlich las sie im Bett.

Nur noch ein paar Seiten.

Hampton House, wo sie aufgewachsen war, war von bescheidener Größe. Wenn er zu Besuch war, hatte er ein Zimmer bewohnt, das drei Türen neben ihrem lag. Allabendlich war ihre Gouvernante gekommen und hatte sie gedrängt, das Licht auszumachen. Sie hatte stets geantwortet: „Nur noch ein paar Seiten.“

Sobald die Gouvernante wieder verschwunden war, schlich er sich aus seinem Zimmer und starrte so lange auf ihre Tür, bis das Licht schließlich erlosch. Erst dann kehrte er in sein Bett zurück, wo wieder Verlangen und Sehnsucht von ihm Besitz ergriffen.

Eine Gewohnheit, die er noch immer pflegte, wann immer sie unter dem gleichen Dach nächtigten.

Das Licht in ihrem Zimmer erlosch. Er seufzte. Wie lange würde er noch so weitermachen? Er wurde bald siebenundzwanzig. Hatte er vor, noch mit siebenunddreißig nächtens in einem dunklen Korridor zu stehen und ihre Tür anzustarren? Mit siebenundvierzig? Siebenundneunzig?

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar. Es war Zeit, sich in sein leeres Bett zurückzuziehen, das er mit einer Frau hätte teilen können, wäre er nicht derart abgeneigt, mit einer anderen zu schlafen, wenn Miss Fitzhugh in der Nähe war. Möglicherweise lag es an einem letzten Rest Ritterlichkeit, dass er sich diesem heuchlerischen Akt verweigerte, vielleicht war es aber auch einfach Aberglaube und die Befürchtung, dass ein derartiges Tun die schwache Hoffnung, die er noch immer hegte, zerstören würde.

Ihre Tür öffnete sich.

Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

Er holte tief Luft und hielt den Atem an. Hatte sie seine Anwesenheit gespürt? Er presste sich gegen die halbrunde Rückwand der Nische. Es war zu dunkel, um viel sehen zu können, doch sie schien auf der Türschwelle stehen zu bleiben. Suchte sie ihn?

Die Tür schloss sich leise. Er stieß seinen letzten Atemzug wieder aus. Sie musste in ihr Zimmer zurückgegangen sein.

Plötzlich stand sie vor ihm, nur ein jäher Lufthauch. Sein Herz machte einen Satz und schlug ihm bis zum Hals. Zahllose verheerende Szenarien zuckten durch seinen Geist, sein jahrelanges, sorgsam inszeniertes Schauspiel würde mit einem Mal auffliegen. Sie würde eine ihrer zarten Brauen heben und über die Zwecklosigkeit seines Begehrens lachen.

Sie ging an ihm vorbei. Er blinzelte, verwirrt darüber, wie rasch die Gelegenheit einer vielversprechenden Konfrontation verpufft war. Sie hatte ihr Zimmer nicht seinetwegen verlassen, sondern vielleicht um sich ein neues Buch oder etwas zu essen zu holen. Sie hatte aber nicht einmal eine Kerze in der Hand, die ihr den Weg leuchtete. Es war, als wolle sie nicht, dass jemand sie sah – oder bemerkte, wohin sie ging.

Wäre es Sommer gewesen, hätte er ihr vielleicht nicht folgen können. Sie hätte seine Schritte auf dem Fußboden hallen gehört. Doch es war Winter, und man hatte einen dicken Teppich ausgelegt. So lief er geräuschlos, hielt sich nahe an den Wänden.

Sie näherte sich der Treppe. Wenn sie auf dem Weg in die wärmende Küche oder die Bibliothek war, würde sie nach unten gehen. Das tat sie nicht. Sie stieg die Stufen empor. Die meisten Gäste waren im selben Stock untergebracht, unverheiratete Damen und Herren auf unterschiedliche Flügel verteilt. Oben wohnten zumindest in diesem Flügel die Gäste, die später eingetroffen waren – und Andrew Martin.

Eine böse Vorahnung beschlich ihn. Aber damit konnte er unmöglich recht haben. Sie war eine viel zu besonnene Frau, um zu dieser nächtlichen Stunde das Zimmer irgendeines Mannes aufzusuchen, geschweige denn das eines verheirateten.

In der nächsten Etage gab es nur eine Tür, unter der noch Licht hindurchdrang. Als sie sich ihr näherte, öffnete sie sich von innen. Im Spalt stand lächelnd Andrew Martin.

Sie schlüpfte hinein. Die Tür schloss sich. Hastings blieb wie benommen stehen.

Sie war nicht nur Martins Freundin und Verlegerin. Sie war seine Geliebte.

Er fand sich auf dem Boden sitzend wieder, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf in den Händen. Sie blieb zwei Stunden in Martins Zimmer und ging dann so leise, wie sie gekommen war, huschte die Treppen hinunter wie ein Phantom der Nacht. Hastings kehrte erst in sein Zimmer zurück, als es fast dämmerte.

Sie war nicht verpflichtet, sich um seine Gefühle zu scheren, aber sorgte sie sich denn gar nicht um ihre eigene Zukunft? Was sie getan hatte, war der reine Wahnsinn. Hätte sie sich in das Zimmer eines unverheirateten Mannes geschlichen, wäre Hastings kein bisschen weniger am Boden zerstört gewesen, aber dann hätte ihr Liebhaber sie wenigstens heiraten können, wenn es zum Schlimmsten kam.

Bei Andrew Martin gab es einen solchen letzten Ausweg nicht.

Er begegnete ihnen am späten Vormittag des nächsten Tages in der Bibliothek, während sie in zwei nebeneinanderstehenden Klubsesseln lasen. Sie strahlte Zufriedenheit aus. Er drehte sich um und ging wieder.

In dieser Nacht besuchte sie Martin wieder. Hastings stand an der Treppe Wache und versuchte vergeblich, sich nicht vorzustellen, was sich gerade in Martins Zimmer ereignete.

Er fand wieder keinen Schlaf.

In der darauffolgenden Nacht saß er auf den mit Teppich ausgelegten Stufen, und sein Kopf lehnte am kühlen Treppengeländer. Er würde am Morgen abreisen – er ließ seine Tochter nie länger als drei Tage allein. Sollte er auf dem Heimweg auf Fitz‘ Anwesen vorbeischauen und dort behutsam über Miss Fitzhughs Fehlverhalten berichten? Er mochte für Helena Fitzhugh nicht existieren, aber ihr Zwillingsbruder Fitz war sein bester Freund.

Würde sie ihm je verzeihen, wenn er das tat?

Er setzte sich aufrechter hin. Ein Paar kichernder Gäste kam die Treppe herauf. Er erkannte ihre flüsternden Stimmen, ein Mann und eine Frau, verheiratet, wenn auch nicht miteinander.

Sie klangen mehr als nur ein wenig angetrunken.

Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

Sein Herz klopfte heftig, er hustete laut. Die angehenden Ehebrecher verstummten. Nach wenigen Sekunden war ein hektischer Austausch zu hören. Sie drehten um und gingen wieder hinunter.

Es dauerte noch einige Minuten, bis er seine Finger, die das Treppengeländer umklammerten, lösen konnte.

Es war nicht gesagt, dass die beiden ihr Glück an Martins Tür versucht hätten. Auch nicht, dass Martins Tür nicht sicher verschlossen war und ein Stuhl als Bollwerk gegen Eindringlinge unter der Türklinke verkeilt war. Aber wenn das so weiterging, würde jemand eines Tages irgendwo eine Tür öffnen, die nicht sicher verschlossen war.

Er stand langsam auf und stützte sich aufs Geländer. Er kannte sie. Es war leichter, einem Löwen einen Zahn zu ziehen, als ihre Meinung zu ändern. Sie würde diesen einmal gewählten Weg entlangstürmen und sich weigern, sich davon abbringen zu lassen, bis sie an die Grenzen der gesellschaftlichen Toleranz stieß, und so sehr er es immer noch wollte, er würde sie nicht immer beschützen können.

Die Umarmung des Geliebten sorgte dafür, dass man dem Universum in seiner Gesamtheit gegenüber milde gestimmt war. Als Helena Fitzhugh in ihr leeres, dunkles Schlafzimmer zurückkehrte, seufzte sie wohlig zufrieden.

Oder eher mit dem Maß an wohliger Zufriedenheit, das ihr in Anbetracht der Tatsache, dass die Umarmung ihres Geliebten durch ihrer beider Nachthemden hindurch geschehen war – Andrew war fest entschlossen, keine Schwangerschaft zu riskieren –, vergönnt war. Wie neu und aufregend es trotzdem gewesen war, sich in der Geborgenheit und Ungestörtheit eines Bettes zu küssen und zu berühren. Es reichte fast aus, um so zu tun, als wären die vergangenen fünf Jahre nie gewesen, und alles, was sie trennte, seien zwei Lagen Stoff.

„Hallo, Miss Fitzhugh“, erklang die Stimme eines Mannes aus dem Dunkel.

Ihr blieb fast das Herz stehen. Hastings war der beste Freund ihres Bruders Fitz – aber gewiss keiner ihrer Freunde.

„Haben Sie mein Zimmer mit dem einer Ihrer Gespielinnen verwechselt?“ Sie war stolz auf sich. Ihre Stimme klang ruhig, fast gleichgültig.

„Dann hätte ich Sie mit dem entsprechenden Namen begrüßt, oder etwa nicht?“ Seine Stimme klang ebenso ungezwungen wie ihre.

Ein Streichholz flackerte auf, erhellte ein ernstes Augenpaar. Sie war jedes Mal wieder überrascht, dass er manchmal so finster – geradezu einschüchternd – schauen konnte, obgleich er ein so frivoler Mensch war.

Er zündete eine Kerze an. Das Licht ließ seine Züge deutlich hervortreten. Seine Haarspitzen schimmerten bronzefarben. „Wo waren Sie, Miss Fitzhugh?“

„Ich hatte Hunger. Ich habe mir in der Vorratskammer ein Stück Birnenkuchen geholt.“

Er blies das Streichholz aus und warf es in den Kamin. „Haben Sie den direkten Weg zurück genommen?“

„Nicht, dass es Sie etwas angeht, aber ja.“

„Wenn ich Sie nun also küsste, würden Sie nach Birnenkuchen schmecken?“

Man konnte sich darauf verlassen, dass bei Hastings jede Diskussion unter der Gürtellinie endete. „Absolut. Da Ihre Lippen meine jedoch nie berühren werden, ist dies eine müßige Diskussion, Lord Hastings.“

Er sah sie misstrauisch an. „Sie sind sich schon darüber im Klaren, dass ich einer der engsten Freunde Ihres Bruders bin?“

Eine Freundschaft, die sich ihr nie richtig erschlossen hatte. „Natürlich.“

„Das heißt, dass es für mich angebracht ist, Ihren Bruder unverzüglich in Kenntnis zu setzen, sobald ich von einem groben Fehltritt Ihrerseits erfahre.“

Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

Sie hob das Kinn. „Grober Fehltritt? Nennt man so heute einen kleinen Raubzug in die Vorratskammer?“

„Vorratskammer, nennt man so heute das Gebiet unter Mr Martins Bettdecke?“

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden.“

„Soll ich den wissenschaftlichen Begriff verwenden?“

Wie ihm dies gefallen hätte. Da es aber einer ihrer Grundsätze war, dass er sich nie auf ihre Kosten amüsieren durfte, erklärte sie: „Mr Martin und ich sind seit Langem befreundet, nichts weiter.“

„Sie und ich sind seit Langem befreundet und …“

„Sie und ich sind seit Langem miteinander bekannt, Hastings.“

„Gut. Ihre Schwester und ich sind seit Langem miteinander befreundet, und doch hat sie noch nie Stunden in meinem Zimmer verbracht. Allein. Nach Mitternacht.“

„Ich habe mir ein Stück Kuchen geholt.“

Er legte den Kopf auf die Seite. „Ich habe Sie vierzig Minuten nach Mitternacht in Mr Martins Zimmer gehen sehen, Miss Fitzhugh. Als ich vor zwanzig Minuten ging, waren Sie noch immer dort. Ich habe in den vergangenen Nächten übrigens dasselbe beobachtet. Sie können mich vieler Dinge beschuldigen – und das tun Sie auch hinlänglich –, aber Sie können mir nicht vorwerfen, dass ich voreilige Schlüsse bei unzureichender Beweislage ziehe. Zumindest nicht in diesem Fall.“

Sie versteifte sich. Es schien, als habe sie ihn unterschätzt. Er war so oberflächlich und flatterhaft wie immer gewesen. Sie wäre nie darauf gekommen, dass er die geringste Ahnung von ihren nächtlichen Ausflügen hatte.

„Was wollen Sie, Hastings?“

„Ich will, dass Sie den Irrweg korrigieren, den Sie eingeschlagen haben, meine liebe Miss Fitzhugh. Ich weiß, dass Mr Martin in einer idealen Welt Ihnen hätte gehören sollen. Mir ist auch klar, dass seine Frau sich sehnlichst wünscht, dass er eine Affäre eingeht, damit sie dasselbe tun kann. Aber all das wird egal sein, wenn man Ihnen auf die Schliche kommt. Sie verstehen also, dass ich moralisch verpflichtet bin, wenn ich bei Tagesanbruch aufbreche, Ihre Geschwister, meine teuren Freunde, darüber zu informieren, dass ihre geliebte Schwester ihr Leben wegwirft.“

Sie verdrehte die Augen. „Was wollen Sie?“

Er seufzte theatralisch. „Das verletzt mich, Miss Fitzhugh. Warum unterstellen Sie mir immer verborgene Motive?“

„Weil Sie welche haben. Was muss ich für Ihr Schweigen tun?“

„Dafür können Sie nichts tun.“

„Ich weigere mich zu glauben, dass Sie nicht käuflich sind, Hastings.“

„Ach, solch unerbittlicher Glaube an meine Bestechlichkeit. Es tut mir fast leid, Sie zu enttäuschen.“

„Dann tun Sie es nicht. Nennen Sie Ihren Preis.“

Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

Sein Titel war noch relativ jung, er war nach seinem Onkel erst der zweite Viscount Hastings. Die Familienkasse war randvoll. Sein Preis würde sich nicht in Pfund bemessen.

„Wenn ich schweige“, sinnierte er, „wird Fitz mir das verübeln.“

„Wenn Sie schweigen, wird Fitz nichts davon wissen.“

„Fitz ist ein kluger Mann – ausgenommen in Bezug auf seine Frau möglicherweise. Er wird es früher oder später erfahren.“

„Aber Sie sind ein Mann, der im Hier und Jetzt lebt, oder?“

Er hob eine Braue. „Das ist nicht etwa Ihre Art zu sagen, ich sei hohlköpfig und unfähig, an die Zukunft zu denken?“

Sie machte sich nicht die Mühe, die Frage zu beantworten. „Es wird spät. Es dauert nicht mehr lange, bis jemand kommt, um Feuer zu machen. Ich möchte nicht, dass man Sie in meinem Zimmer sieht.“

„Ich könnte Sie heiraten, um Ihre Ehre zu retten, wenn das passieren sollte. Mr Martin ist dazu nicht in der Lage.“

„Das tut nichts zur Sache. Sagen Sie mir, was Sie wollen, und dann verschwinden Sie.“

Er lächelte, ein schiefes, zweideutiges Lächeln. „Sie wissen, was ich will.“

„Sagen Sie bitte nicht, dass Sie mich immer noch küssen wollen. Habe ich nicht bereits mehr als deutlich gemacht, dass ich daran kein Interesse habe?“

„Ich will Sie nicht küssen. Sie werden mich küssen müssen.“

Sie, ihn küssen?

„Ah, ich sehe, Sie hatten gehofft, Sie könnten duldsam dastehen wie eine christliche Märtyrerin, die sich gottergeben ihrem Schicksal fügt, im Kolosseum von Löwen zerfleischt zu werden. Aber schließlich sagen Sie selbst immer, ich sei ein Mann von unziemlichen Gelüsten. Also werden Sie die Löwin spielen müssen und ich den Märtyrer. Ich erwarte Ihren Angriff, Miss Fitzhugh. Legen Sie los.“

„Wenn ich eine Löwin wäre, würde ich Sie für ein Stück verdorbenen Fisches halten, ganz und gar nicht nach meinem Geschmack und kaum genießbar, wohingegen ich gerade eben die zarteste Gazelle der Savanne gekostet habe. Sie müssen mein Unvermögen, auch nur die geringste Begeisterung für Sie aufzubringen, entschuldigen.“

„Keineswegs. Ein solches Unvermögen kann ich nicht entschuldigen. In keinster Weise. Sie werden die Begeisterung irgendwie aufbringen, andernfalls nehme ich den ersten Zug Richtung Süden.“

„Und wenn es mir gelingt, in einem ausreichenden Maß falsche Leidenschaft vorzutäuschen?“

„Dann werde ich niemandem von Mr Martin erzählen.“

„Geben Sie mir Ihr Wort?“

„Geben Sie mir Ihr Wort, dass der Kuss sündhafter sein wird als jeder, den Sie Mr Martin gegeben haben?“

Eine verführerische Braut (Die Fitzhugh Trilogie, Band 3)

„Sie sind pervers, Hastings.“

Er lächelte erneut. „Und Sie gehören zu der Sorte Frau, der das gefällt, Miss Fitzhugh, ob Sie es nun wahrhaben wollen oder nicht. Sie werden nun also Folgendes tun. Sie werden mich an den Schultern packen, gegen die Wand drücken, Ihre Hand unter mein Jackett schieben …“

„Mir kommt gleich die Galle hoch.“

„Dann sind Sie bereit. Auf gehts. Ich erwarte Ihren Übergriff.“

Sie verzog das Gesicht. „Wie ich es hasse, meine perfekte Bilanz der Abweisung Ihrer Avancen zu ruinieren.“

„Nichts währt ewig, meine liebe Miss Fitzhugh. Und vergessen Sie nicht: Der Kuss muss leidenschaftlich sein. Sonst müssen Sie es noch einmal tun.“

Sie konnte es genauso gut hinter sich bringen.

Mit zwei großen Schritten überwand sie den Abstand zwischen ihnen und packte ihn an den Ärmeln seines Morgenrocks. Statt ihn nach hinten zu drücken, wie er angeordnet hatte – als ob sie zuließe, dass er die Einzelheiten ihrer Tortur diktierte –, riss sie ihn an sich, presste die Lippen auf seine und stellte sich vor, ein Hai mit Hunderten messerscharfer Zähne zu sein.

Oder vielleicht war sie auch ein Geschöpf aus der Unterwelt mit einem Pfuhl aus brennender Säure und Schwefeldämpfen im Mund, das seine Seele verschlang und sich an all den müßigen Unsittlichkeiten labte, die er in seinem Leben begangen hatte und die nur als Lückenfüller zwischen den entscheidenderen Sünden gedient hatten.

Oder eine Venusfliegenfalle voll köstlichen Nektars. Doch wehe ihm, wenn er dachte, er könne einen Rüssel hineinstecken und von ihren verlockenden Säften kosten. Stattdessen würde sie ihn sich an Ort und Stelle einverleiben, diesen gemeinen Widerling.

Dunkel nahm sie etwas Hartes und Glattes an ihrem Rücken wahr. Sie hatten in der Mitte ihres Zimmers gestanden, warum wurde sie jetzt an eine Wand gedrückt? Und warum war unerwartet sie es, die verschlungen wurde?

Die Muskeln seiner Arme waren gespannt und hart unter ihren Händen, sein Körper groß und massiv. Statt wie ein Schmelzofen gieriger Lust zu schmecken, war sein Mund kühl und köstlich, als habe er gerade einen großen Schluck frischen Quellwassers getrunken.

Sie stieß ihn von sich und wischte sich mit dem Handrücken angewidert über die Lippen. Ihr Atem ging keuchend. Sie wusste nicht, warum.

„Mein Güte“, murmelte er. „So wild, wie ich es mir immer vorgestellt habe. Ich hatte recht. Sie begehren mich.“

Sie ignorierte ihn. „Ihr Wort.“

„Ich werde niemandem von Andrew Martin erzählen. Darauf können Sie sich verlassen.“

„Gehen Sie.“

„Mit Vergnügen. Ich habe nun ja bekommen, weswegen ich herkam.“ Er grinste. „Gute Nacht, meine Liebe. Sie waren das Warten wert.“